Lady Puddlewick erzählt

Warum Charles Darwin in seinem Haus Konzerte für Regenwürmer gab

Meine Lieben, treten Sie doch näher und schütteln Sie sich den Regen von Ihren Mänteln – das Wetter hier in Puddlewick Hall ist heute ganz abscheulich, aber für unser heutiges Thema geradezu vollkommen. Nehmen Sie Platz, der Tee ist frisch aufgebrüht und Mr. Peabody, mein getreuer Kanarienvogel, ist bereits ganz aufgeregt. Warum, fragen Sie? Nun, ich habe bei einer jüngsten Expedition auf meinen Dachboden – zwischen verstaubten – einige höchst bemerkenswerte Aufzeichnungen über den alten Charles Darwin wiederentdeckt. Es geht um eine Leidenschaft, die seine Zeitgenossen für schiere Exzentrik hielten, die uns aber heute die Augen für die wahre Hierarchie der Natur öffnen sollte. Wir Menschen neigen in unserer grenzenlosen Arroganz dazu, uns als die Krönung der Schöpfung zu betrachten, während wir die „niederen“ Kreaturen unter unseren Füßen völlig unterschätzen. Doch Darwin erkannte, dass die wahre Weltgeschichte nicht in den Salons, sondern im Dreck geschrieben wird.



Charles wurde 1809 in eine sehr privilegierte Familie geboren. Sein Vater, Dr. Robert Darwin, war ein wohlhabender Arzt und seine Mutter, Susannah, stammte aus der berühmten Porzellan-Dynastie Wedgwood. Man hätte meinen können, Charles sei der perfekte Kandidat für eine glänzende Karriere. Doch schon in der Schule galt er als durchschnittlich – zumindest nach den Maßstäben eines Unterrichts, der vor allem Latein und Griechisch in den Mittelpunkt stellte.

Anstatt Vokabeln zu lernen, sammelte er schon als Kind alles Mögliche: Muscheln, Siegel, Münzen und vor allem Insekten. In dem Haus seiner Eltern, „The Mount“ in Shrewsbury, betrieb er zusammen mit seinem Bruder Erasmus ein kleines Chemielabor. Seine Experimente waren so ungewöhnlich, dass seine Mitschüler ihn „Gas“ nannten – ein Spitzname, an den Darwin später mit einem gewissen Humor zurückdachte.

Der junge Medizinstudent in Edinburgh

Mit 16 Jahren schickte sein Vater ihn an die Universität Edinburgh, um Medizin zu studieren. Es war der logische Schritt – schließlich waren Vater und Großvater erfolgreiche Ärzte. Doch Charles hasste das Studium. Er fand die Vorlesungen sterbenslangweilig, aber das Schlimmste waren die Operationen.

Damals gab es noch keine Narkose. Die Patienten wurden festgebunden und die Schreie im Operationssaal brannten sich in sein Gedächtnis ein. Nach einigen dieser Erlebnisse verließ er den Saal und kehrte nie wieder zu einer Operation zurück. Er verbrachte seine Zeit stattdessen damit, bei John Edmonstone das Ausstopfen von Vögeln zu lernen. Diese Fähigkeit sollte ihm später auf seinen Expeditionen sehr nützlich sein, um seine Sammlung so zu präparieren, dass sie nicht in verrottete Klumpen zerfiel.

„Pfarrer“ in Cambridge

Als sein Vater begriff, dass aus Charles kein Arzt werden würde, war er außer sich. Er fürchtete, sein Sohn könnte ein Taugenichts werden, und drängte ihn, nach Cambridge zu gehen und Theologie zu studieren – mit dem Ziel, ihn zu einem angesehenen Landpfarrer zu machen.

Doch auch in Cambridge war Darwin alles andere als ein typischer, frommer Student. Er trat einem „Gourmet-Club“ bei, dessen Mitglieder versuchten, Tiere zu essen, die sonst nie auf dem Teller landeten: Rohrdommeln, Falken und andere exotische Kandidaten. Vor allem aber wurde er der fanatischste Käfersammler der Universität. Er verbrachte ganze Tage in den Mooren und Wäldern auf der Jagd nach seltenen Exemplaren.

In Cambridge lernte er auch seinen Mentor John Stevens Henslow kennen, einen Botanikprofessor mit einem feinen Gespür für Talente. Henslow erkannte als Erster, dass in diesem scheinbar etwas planlosen Studenten ein genauer Beobachter und ernstzunehmender Naturforscher steckte. Er war es auch, der Darwin später für eine ganz besondere Reise empfahl.

Die Einladung zur Beagle – und das „Nein“ des Vaters

Im August 1831 kehrte Darwin von einer geologischen Exkursion in Wales zurück und erhielt einen Brief von Henslow. Darin stand ein unglaubliches Angebot: Die HMS Beagle sollte die Küsten Südamerikas vermessen und einmal um die Welt segeln. Der Kapitän, Robert FitzRoy, suchte einen gebildeten Begleiter, einen sogenannten „Gentleman Naturalist“.

Darwin war außer sich vor Begeisterung. Das war seine Chance, dem vorgezeichneten Leben als Landpfarrer zu entkommen. Doch sein Vater legte sofort sein Veto ein. Er betrachtete das Ganze als die nächste Schnapsidee seines Sohnes und als „völlig unpassendes Vorhaben“ für einen zukünftigen Geistlichen. Er befürchtete, Charles würde nach der Reise nie wieder sesshaft werden. Letztlich ließ er ihm jedoch eine winzige Hintertür offen: „Wenn du einen vernünftigen Menschen findest, der dieses Projekt befürwortet, werde ich meine Erlaubnis geben.“

Onkel Josiah rettet die Reise

Darwin war am Boden zerstört und kurz davor, abzusagen. Da besuchte er seinen Onkel Josiah Wedgwood II, den Chef der Porzellanmanufaktur. Onkel „Jos“, wie Charles ihn nannte, war ein besonnener, kluger Mann – und er erkannte sofort, dass diese Reise eine einmalige Gelegenheit war.

Josiah setzte sich hin und schrieb einen ausführlichen Brief an Dr. Robert Darwin. Punkt für Punkt zerlegte er dessen Einwände: Die Reise werde Charles’ Charakter stärken, seinen Horizont erweitern und ihm die Chance geben, der Wissenschaft zu dienen. Dr. Darwin respektierte Josiah sehr und gab schließlich nach. Ob Darwin ohne diese Reise trotzdem irgendwann zu seiner großen Idee der Evolutionslehre gekommen wäre, weiß niemand. Sicher ist nur, dass sein Leben ohne die Reise mit der Beagle völlig anders ausgesehen hätte.

Darwin war regelrecht besessen von Naturgeschichte. Kurz zuvor hatte er die Reiseberichte Alexander von Humboldts gelesen, die seine Fantasie für tropische Wälder und ferne Länder entzündet hatten. Er träumte von Palmen, unbekannten Tieren und dem tiefen Blau des Ozeans.

Er besorgte sich die beste Ausrüstung, die er finden konnte: Ferngläser, Geologenhammer, Waffen, Sammelutensilien und einen ganzen Stapel Notizbücher. Als er die „Beagle” im Hafen von Plymouth zum ersten Mal sah, war er geschockt, wie klein das Schiff war: eine etwa 27 Meter lange Brigg, vollgestopft mit Ausrüstung und Menschen.

Er teilte sich die Kabine mit zwei Offizieren. Er schlief über dem Kartentisch. Damit seine langen Beine überhaupt Platz fanden, mussten Möbel umgestellt werden. Am 27. Dezember 1831 stach das Schiff nach wetterbedingten Verzögerungen endlich in See. Darwin stand an Deck und sah, wie die Küste Englands langsam im Dunst verschwand. Kurz darauf lehnte er sich zum ersten Mal seekrank über die Reling. Er ahnte nicht, dass ihn diese Seekrankheit über Jahre hinweg begleiten würde.

Die Hölle auf dem Wasser

Die Reise begann mit einer brutalen Lektion: Darwin war kein Seemann. Er litt so stark unter Seekrankheit, dass er die ersten Wochen fast ausschließlich in seiner Hängematte verbrachte. In Briefen nach Hause beschrieb er seinen Zustand als niederschmetternd.

Er lag dicht unter Deck, während das Schiff auf den Atlantikwellen auf und ab ging und alles um ihn herum nach Teer, nassem Holz und ungewaschenen Matrosen roch. Sobald sich das Wetter beruhigte oder das Schiff sich der Küste näherte, nutzte er jedoch jede Gelegenheit, um an Land zu gehen. Dort blühte er auf.

Im Februar 1832 erreichte die „Beagle” Brasilien. Für Darwin war der erste Gang in einen tropischen Regenwald ein Schlüsselerlebnis. Er schrieb später, dass ihn die Fülle und Intensität der Eindrücke fast überwältigten: die Farben der Blüten, die Geräusche, die Insekten, die Masse an Leben.

Über zwei Jahre kartierte die „Beagle” die Küsten Südamerikas. Während die Offiziere Vermessungsarbeiten erledigten, ritt Darwin oft weit ins Landesinnere. Er lernte, das Lasso zu werfen, schlief auf seinem Sattel unter freiem Himmel und ließ sich einen beeindruckenden Bart wachsen.

Seine erste wissenschaftliche Sensation gelang ihm in Argentinien. Aus Steilufern und Felswänden barg er die fossilen Knochen riesiger, ausgestorbener Säugetiere, darunter das Megatherium, ein bodenlebendes Riesenfaultier, das etwa die Größe eines Elefanten erreichte. Verwirrend für ihn war die Ähnlichkeit dieser Giganten mit den in derselben Region lebenden Gürteltieren und Faultieren. Er stellte sich zum ersten Mal ernsthaft die Frage: Warum ähneln ausgestorbene und lebende Tiere derselben Gegend einander so sehr?

Im Jahr 1835 erreichte die „Beagle” die Galápagos-Inseln. Oft wird erzählt, Darwin habe dort schlagartig die Evolution verstanden, doch so einfach war es nicht. Zwar sammelte er die später berühmt gewordenen Finken, dabei war er jedoch unsystematisch und notierte nicht immer, von welcher Insel welche Art stammte.

Vor Ort interessierten ihn die riesigen Landschildkröten fast mehr. Ein Kolonialbeamter erzählte ihm beiläufig, dass man an der Form des Panzers erkennen könne, von welcher Insel eine Schildkröte stamme. Darwin nahm diese Information auf, doch der Groschen fiel erst später – in England, als er seine Sammlungen sortierte und die Muster in Ruhe betrachtete.

Zurück in England – die Faszination für Würmer

Nach fast fünf Jahren kehrte die Beagle am 2. Oktober 1836 nach England zurück. Darwin war körperlich am Ende, aber geistig voller Unruhe. Er hatte Kisten voller Fossilien, Pflanzen und Tiere sowie Notizbücher dabei – und eine Menge Fragen im Kopf.

Er war erst 27 Jahre alt, plötzlich eine wichtige Figur in der wissenschaftlichen Szene und gleichzeitig vollkommen erschöpft. Um sich zu erholen und seine Sammlungen zu ordnen, zog er sich zunächst nach Maer Hall zurück, dem Landsitz seines Onkels Josiah Wedgwood II.

Der war zwar kein akademischer Naturforscher, dafür aber ein genauer Beobachter seiner Felder. Auf einer Weide hatte er Jahre zuvor Kalk und verbrannte Kohlenasche ausgebracht, um den Boden zu verbessern. Als man später wieder hinsah, schienen diese Schichten unter einer feinen Schicht schwarzer Erde verschwunden zu sein.

Josiah vermutete, dass Regenwürmer daran schuld seien, da sie die Schichten gewissermaßen „begraben“, indem sie Erde nach oben befördern und den Boden ständig durchmischen. Für die damalige Zeit klang das für viele wahrscheinlich absurd. Doch Darwin, der gerade gelernt hatte, geologische Prozesse in Jahrtausenden zu denken, fand diese Idee äußerst reizvoll. Die Vorstellung, dass unzählige Würmer über lange Zeiträume hinweg ganze Landschaften formen könnten, ließ ihn nicht mehr los.

Diese Beobachtungen ließen Darwin nicht los und er begann, erste Überlegungen zur Rolle der Würmer für die Bodenbildung anzustellen. Parallel dazu änderte sich sein privates Leben: Er verliebte sich, plante eine Familie und heiratete im Jahr 1839 seine Cousine Emma Wedgwood, die Tochter von Josiah.

Das große, obsessive „Wurm-Labor“ zu Hause entstand allerdings erst später. Ab 1842 lebte die Familie in Down House in Kent. In dem scheinbar beschaulichen Landhaus mit Garten verwandelte sich Darwins Interesse an Würmern in eine jahrzehntelange Dauerbeobachtung.

Down House – Wissenschaft am Rand des Wahnsinns

Down House wurde zunehmend zu einem lebendigen Labor. In Darwins Arbeitszimmer stapelten sich Bücher, Notizen und Proben. Überall standen Töpfe und Kästen mit feuchter Erde, in denen Regenwürmer lebten. Darwin stellte sich eine grundlegende Frage: Was nehmen diese Tiere wahr und wie „denken“ sie gewissermaßen über ihre Umwelt nach, obwohl sie weder Augen noch Ohren haben? Um dies herauszufinden, begann er eine Reihe von Experimenten, die heute zugleich skurril und genial erscheinen.

Darwin vermutete, dass Würmer auf Luftschall kaum reagieren, auf Erschütterungen des Bodens jedoch sehr wohl. Um dies zu testen, rekrutierte er seine Familie. Sein Sohn Francis sollte das Fagott holen und direkt vor den Wurmgläsern spielen. Darwin beobachtete jede Regung im Boden, doch die Würmer reagierten kaum. Auch eine schrille Pfeife und lautes Rufen brachten die Tiere kaum aus der Ruhe.

Erst als er die Töpfe auf den Resonanzboden des Klaviers stellte und Emma oder die Kinder darauf spielten, änderte sich das Bild. Sobald die tiefen Töne den Boden spürbar vibrieren ließen, zogen sich die Würmer deutlich schneller in ihre Gänge zurück. Für Darwin war klar: Die Tiere sind zwar praktisch taub für Schall in der Luft, reagieren aber hochsensibel auf Erschütterungen im Boden. Genau das schützt sie vor Schritten von Vögeln oder Maulwürfen.

Tabakrauch, Essig und Parfüm

Als Nächstes wollte Darwin herausfinden, ob Würmer riechen können. Er pustete ihnen Tabakrauch entgegen, hielt ihnen mit Essig getränkte Watte und sogar starkes Parfüm vor. Solange die Substanzen nur in der Luft waren, geschah fast nichts. Erst wenn wirklich reizende Stoffe direkt mit der Haut oder der Mundöffnung in Kontakt kamen, zogen sie sich zurück.

Darwin schloss daraus, dass Regenwürmer zwar keinen ausgeprägten Geruchssinn für Luftgase besitzen, aber sehr wohl chemische Reize im Boden wahrnehmen können. Auch das passte perfekt zu ihrer Lebensweise. Für sie ist nicht die Luft über ihnen wichtig, sondern der Boden, durch den sie sich fressen.

Auch den Speiseplan seiner Würmer nahm Darwin unter die Lupe. Er legte ihnen verschiedene Nahrungsmittel wie Blätter, Gemüse und Pflanzenreste vor und beobachtete, welche Stücke sie bevorzugt in ihre Gänge zogen. Dabei stellte er immer wieder fest, dass bestimmte Blätter deutlich häufiger genommen wurden als andere.

Für Darwin war dies ein Hinweis darauf, dass Würmer nicht völlig wahllos fressen, sondern eine Form der Vorliebe oder Auswahl zeigen. Am Familientisch wurde es zur Normalität, dass der Hausherr über die Essgewohnheiten seiner „Versuchswürmer” referierte.

Papierdreiecke und „geistige Landkarte“

Ein besonders berühmtes Experiment begann mit einem alltäglichen Anblick. Würmer ziehen abgefallene Blätter in ihre Höhlen – und das auffallend oft an der schmalen Spitze. Aus physikalischer Sicht ist das die cleverste Methode, da so der geringste Widerstand entsteht.

Um herauszufinden, ob dies Zufall war, bastelte Darwin Hunderte winziger Papierdreiecke, bestrich sie mit Fett und legte sie vor Wurmlöcher. Tagelang beobachtete er, wie die Würmer die Papierstücke mit ihren Mundpartien untersuchten und sie fast immer an der Spitze packten – selbst dann, wenn die breite Seite näher am Loch lag. Für ihn sah das so aus, als hätten die Tiere eine rudimentäre Vorstellung von Form und Richtung, eine Art „geistige Landkarte“, die ihnen dabei hilft, Dinge möglichst effizient in den Boden zu ziehen.

Nächtliche Ermittlungen im Garten

Darwin war überzeugt, dass Würmer auf Licht reagieren, obwohl sie keine Augen besitzen. Also schlich er nachts mit einer Laterne durch den Garten von Down House und beobachtete die Würmer, die halb aus ihren Gängen ragten.

Er probierte mit verschieden starken und gefilterten Lichtquellen aus, was passierte. Bei schwachem oder rotem Licht blieben die Tiere oft gelassen, bei hellem Licht zogen sie sich hingegen schnell zurück. Seine Kinder erinnerten sich später daran, wie ihr Vater im Pyjama mit einer Kerze oder Laterne bewaffnet auf dem Rasen kniete, um einem Regenwurm beim „Entscheiden“ zuzusehen.

Im Laufe der Jahre wurde Darwin klar, dass Würmer nicht nur ein bisschen Erde bewegen, sondern maßgeblich an der langfristigen Gestaltung ganzer Landschaften beteiligt sind. Bei dem Besuch alter Ruinen und römischer Mosaikböden fiel ihm auf, dass frühere Oberflächen mittlerweile tief unter der heutigen Grasnarbe liegen.

Viele erklärten dies mit Wind und Wasser. Doch Darwin zeigte, dass auch Würmer einen entscheidenden Anteil haben. Sie lockern den Boden auf, ziehen Pflanzenreste ein und scheiden an der Oberfläche Erde aus. So entsteht Schicht um Schicht neue „Wurmerde“. Mit der Zeit können sogar schwere Steine, Fundamente und Mosaike im Boden „versinken“. So wurden Würmer für Darwin zu heimlichen Archäologen, die die Vergangenheit konservieren, indem sie sie zudecken.

Ein Lebenswerk in Wurmkot

Im hohen Alter widmete Darwin den Würmern sein letztes großes Forschungsprojekt. Er sammelte Wurmkot von seinen Wiesen, trocknete ihn, wog ihn und rechnete ihn auf größere Flächen um. Heraus kamen Größenordnungen von rund 15 Tonnen Erde pro Acre und Jahr – umgerechnet etwa 35 bis 40 Tonnen pro Hektar.

Im hohen Alter widmete Darwin sein letztes großes Forschungsprojekt den Würmern. Er sammelte Wurmkot von seinen Wiesen, trocknete ihn, wog ihn und rechnete die Menge auf größere Flächen um. Dabei kamen erstaunliche Zahlen heraus, wenn man bedenkt, wie klein ein einzelner Wurm ist. Für Darwin war dies eine perfekte Veranschaulichung seiner Grundidee: Winzige, unscheinbare Prozesse, die sich über sehr lange Zeiträume summieren, können die Welt sichtbar verändern. 1881 veröffentlichte er sein Buch über Würmer und die Bildung von Ackererde – sein letztes großes Werk.

Ein Bestseller über „Dreck“

Auch Darwins Verleger war zunächst skeptisch. Wer, so fragte er sich, sollte schon ein Buch über Regenwürmer und ihren Kot lesen wollen? Doch die Resonanz war überwältigend positiv. Das Buch verkaufte sich für damalige Verhältnisse hervorragend und war zeitweise sogar erfolgreicher als „Über die Entstehung der Arten“.

Die Vorstellung, dass sich unter jedem gepflegten Rasen ein ganzes Heer emsiger kleiner Arbeiter befindet, die den Boden formen, faszinierte das viktorianische Publikum. Darwin hatte einem Tier, das viele lediglich als glitschigen Angelköder betrachteten, eine Hauptrolle in der Geschichte der Erde zugewiesen.

Das sorgte natürlich auch für Spott. In Londoner Clubs und Satireblättern wurde der „alte Darwin“ verspottet, der seine letzten Jahre damit verbrachte, Steine im Garten zu vermessen und Würmern Konzerte zu geben. Karikaturen zeigten ihn im Schlamm kniend mit Lupe und Notizbuch, während angeblich „Weltgeschichte“ geschah.

Darwin ließ sich davon nicht beirren. Er wusste, dass seine Wurmstudien die Grundlage für ein neues Verständnis von Boden und Ökosystemen bildeten. Was nach Schrulligkeit aussah, war in Wahrheit ein radikal konsequentes Weiterdenken seiner eigenen Ideen.

Das Vermächtnis

Charles Darwin starb im April 1882, nur wenige Monate nach dem Erscheinen seines Buchs über Würmer. Bis zuletzt beschäftigte er sich mit Fragen zu Boden, Wurmtätigkeit und langsamen Veränderungen.

In seinem Garten in Down House liegt noch heute ein großer Stein, der oft als „Darwin-Stein“ bezeichnet wird. Darwin beobachtete ihn über Jahre, um zu sehen, wie er durch die Arbeit der Würmer nach und nach tiefer in den Boden gezogen wurde.

Gegen Ende seines Lebens sah Charles Darwin in den Würmern die perfekte Metapher für seine gesamte Theorie: Winzige, unscheinbare Veränderungen, die sich über ungeheure Zeiträume summieren, erschaffen die großartige, komplexe Welt, in der wir leben.

Nun, meine Lieben, trinken wir das letzte Schlückchen Tee. Mr. Peabody bekommt jetzt sein wohlverdientes Körnchen. Was nehmen wir mit von diesem Ausflug in Darwins Wurm-Liebe? Vielleicht die Erkenntnis, dass die wichtigste Spezies des Planeten nicht diejenige ist, die die lautesten Reden schwingt oder die hässlichsten Betonklötze in die Landschaft stellt. Wahre Größe liegt oft im Stillen, im Verborgenen, direkt unter unseren Sohlen. Der bescheidene Regenwurm erinnert uns daran, dass wir alle Teil eines großen, kackadiesischen Kreislaufs sind. Wenn wir weiterhin unsere Böden mit Chemie vergiften und alles versiegeln, begraben wir nicht nur die Würmer, sondern unsere eigene Zukunft. Gehen Sie nun hinaus, aber geben Sie Acht, wo Sie hinstreten – man weiß nie, welche historische Großtat gerade unter Ihrem Stiefel verrichtet wird. Auf Wiedersehen in Puddlewick Hall!

Lady Mildred Puddlewick
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