Lady Puddlewick erzählt

Royaler Bastelspaß: So machte Königin Victoria Scrapbooking salonfähig

Ah, da sind Sie ja, meine Lieben! Kommen Sie nur herein. Suchen Sie sich ein bequemes Plätzchen, und lassen Sie mich Ihnen eine schöne Tasse Tee einschenken. Wissen Sie, ich war heute Morgen auf dem Dachboden – ein Ort, der mehr Geheimnisse birgt als die Londoner Klatschspalten, das kann ich Ihnen versichern – und dort, unter einem Stapel alter Decken, stieß ich auf eine überladene, prall gefüllte Sammelmappe meiner Ururgroßtante Beatrix. Ein wahres Ungetüm aus geprägtem Samt, das beinahe auseinanderfiel. Und was darin war! Ein kunterbuntes, überbordendes Chaos aus ausgeschnittenen Bildchen, Kärtchen und Schnipseln. Man nannte das damals „Scrapbooking“, und es war, meine Lieben, eine regelrechte Manie im viktorianischen London. Eine Leidenschaft, die weit, weit über das hinausging, was Sie sich vielleicht unter dem bloßen Einkleben von Bildern vorstellen.


Sehen Sie, der Begriff „Scrap“ selbst, also Schnipsel, kam ursprünglich daher, dass man, bevor es kommerzielle Bilder gab, einfach Motive aus teuren Büchern, Modejournalen oder sogar Tapetenresten ausschnitt. Doch dann kam die industrielle Revolution und veränderte alles. Etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts ermöglichte eine ganz wunderbare Erfindung namens Chromolithografie den Massendruck von farbigen Bildern.

Plötzlich konnten sich nicht nur die Reichen, sondern die breite Masse diese bunten „Scraps“ leisten. Londoner Druckereien stürzten sich darauf, und eine der berühmtesten, Raphael Tuck & Sons, schaffte es mit ihren Glanzbildern und Postkarten sogar zum Hoflieferanten und durfte sich stolz „Kunstverleger Ihrer Majestät der Königin“ nennen. Aber ein charmantes kleines Geheimnis, meine Lieben, ist, dass viele der exquisitesten Glanzbilder, die absolute Crème de la Crème, die berühmten „Oblaten“, tatsächlich in Deutschland gedruckt und dann für unsere Londoner Schreibwarenhändler hierher verschifft wurden. Ein bisschen kontinentale Handwerkskunst, die unsere zutiefst britische Besessenheit antrieb! Und die besten hatten diese herrliche Reliefprägung… man kann die Struktur noch immer fühlen, wenn man mit dem Finger darüberfährt… ein wahres Qualitätsmerkmal.

Und das, meine Lieben, bringt uns zum eigentlichen Kern der Sache, zum charmantesten Tratsch überhaupt. Denn die größte „Influencerin“ dieser ganzen Bewegung war keine Geringere als Königin Victoria selbst. Ihre eigene, schier unbändige Begeisterung für das Scrapbooking machte das Hobby erst so richtig gesellschaftsfähig. Man kann sich das vorstellen: Wenn die Königin im Buckingham Palace fleißig klebte, dann tat es auch der Rest von London. Ein besonders entzückendes Detail dazu findet sich im Nachlass ihrer deutschen Gouvernante, der Baronin Louise Lehzen, mit der sie eine fast mütterliche Beziehung pflegte. Die Baronin führte ein ganz persönliches Sammelalbum, und was sie darin aufbewahrte, ist einfach herzergreifend. Es enthielt nicht nur von der jungen Prinzessin selbst gemalte Aquarelle, sondern auch Haarlocken der kleinen Victoria, säuberlich mit Faden gebunden, und sogar ein Stückchen Stoff von ihrem Hochzeitskleid.

Dieses Album ist nicht nur ein historisches Dokument, es ist ein intimes Zeugnis der zärtlichen, persönlichen Seite unserer sonst so strengen Monarchin und der tiefen Zuneigung zwischen ihr und ihrer „liebsten Daisy“, wie sie die Baronin nannte. Eine so starke Bindung, dass sie später einem gewissen Prinzgemahl noch einiges Kopfzerbrechen bereiten sollte… aber das, meine Lieben, ist eine Geschichte für eine andere Kanne Tee.

Aber glauben Sie bloß nicht, dies sei nur ein Zeitvertreib für Damen der Gesellschaft gewesen! Oh nein, diese Sammelwut erfasste alle Schichten und Geschlechter. In den Kinderzimmern von Kensington dienten die Alben oft der Erziehung; man klebte ganze Serien von biblischen Szenen oder exotischen Tieren ein und vermittelte so spielerisch Wissen. Junge Frauen wiederum beschränkten sich nicht nur auf die Alben. Sie verzierten mit den bunten Bildchen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war: Wandschirme, Schachteln, ja sogar ganze Möbelstücke wurden in der sogenannten Decoupage-Technik beklebt und anschließend lackiert.

Und die Herren? Nun, die hatten ihre ganz eigene, oft recht makabre Variante. Es gab Männer in London, die ganze Sammelalben ausschließlich mit Zeitungsberichten über die schaurigsten Morde, öffentliche Hinrichtungen und entsetzliche Zugunglücke füllten. Das waren sozusagen die „True-Crime-Podcasts“ des 19. Jahrhunderts in Papierform. Selbst die großen Geister der Zeit waren nicht gefeit; der Autor von Alice im Wunderland, Lewis Carroll, war ebenfalls ein begeisterter und akribischer Sammler von Zeitungsausschnitten und Bildern.

Ah, ja, Mr. Peabody… Moment, da erinnert er mich an etwas… Hören Sie das Zwitschern? Meine Vorfahren waren schon ein recht skurriles Völkchen, und ihre Sammelalben spiegeln das wunderbar wider. Und meine Güte, sie hatten etwas, was man nur als eine pathologische Angst vor dem leeren Raum bezeichnen kann – die Gelehrten nennen es Horror vacui. Ein einziger Zentimeter blankes Papier war anscheinend eine persönliche Beleidigung! Jede Seite ist ein herrlicher, erstickender Aufruhr von Bildern. Und die praktischen Tücken erst! Da es keine Klebestifte gab, rührte man den Kleister oft selbst an, aus Mehl und Wasser. Das funktionierte zwar, zog aber leider auch Heerscharen von Insekten an – eine wahre Einladung an die gesamte Insektenbevölkerung Londons –, weshalb viele alte Alben heute etwas… nun ja, angeknabbert sind.

Ein ganz bizarrer Trend bei den Motiven waren vermenschlichte Tiere. Cricket spielende Frösche oder Katzen, die in viktorianischen Kleidern Tee trinken – absolute Bestseller! Die Londoner Presse machte sich bisweilen über diese „Scrapomania“ lustig und beschrieb sie als eine milde Form des Wahnsinns, ganz ähnlich wie man heute vielleicht über das Sammeln von Pokémon-Karten schmunzelt. Stellen Sie sich vor, meine Lieben, Tante Beatrix vergiftete sich ganz sachte selbst, nur um das perfekte Blattgrün für ihr Album zu finden. Einige der leuchtend grünen Farbstoffe enthielten damals nämlich Arsen. Die Viktorianer hatten wirklich ein Flair für das Dramatische, selbst bei ihren Hobbys, nicht wahr?

Wenn ich mir also Tante Beatrix‘ Album hier so ansehe, wird mir klar, dass diese Sammelalben so viel mehr waren als nur ein einfacher Zeitvertreib. Sie waren eine frühe Form des Marketings, denken Sie nur an die „Trade Cards“, diese kleinen, bunten Sammelbilder, die Londoner Geschäfte kostenlos verteilten und die eifrig eingeklebt wurden. Und für uns Historiker sind sie eine unschätzbare Quelle. Sie erzählen vom Alltagsleben, von der Ästhetik, von den geheimen Wünschen und den kleinen Freuden einer ganzen Epoche.

Und so, während ich hier mit Tante Beatrix‘ samtgebundenem Ungetüm sitze, sehe ich nicht nur ihre Sammlung, sondern ihre Welt. Ich sehe die „Trade Cards“ der Geschäfte, die sie besuchte, die morbide Neugier in einem Zeitungsausschnitt, die pure Freude an einer lächerlich overdressten, teetrinkenden Katze. Es ist wahrhaftig ein Fenster in ihre Seele. So, meine Lieben, aber nun ist mein Tee kalt geworden, und ich habe Sie lange genug mit meinen Geschichten vom Dachboden aufgehalten. Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen. Kommen Sie bald wieder nach Puddlewick Hall, die nächste Kanne Tee wartet schon.

Lady Mildred Puddlewick
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