Archibald Greymoore erzählt

Katie King & Florence Cook: Die spektakulärste Geistergeschichte im viktorianischen London

Ah, seien Sie willkommen, liebe Sterbliche! Treten Sie nur näher. Fürchten Sie sich nicht vor den Schatten in meiner kleinen Bibliothek hier in Puddlewick Hall. Mein Name ist Archibald Greymoore, und ich bin, nun ja, der hiesige Bibliothekar. Ein Amt, das ich schon seit weit über einem Jahrhundert mit unverminderter Leidenschaft ausübe, auch wenn ich zugebe, dass meine Finger die Seiten der Bücher nicht mehr so recht umblättern können. Aber ich sehe, ich sehe alles. Und heute habe ich ein ganz besonderes Exemplar für Sie aus dem Regal gezogen. Sehen Sie nur … der Staub von Jahrzehnten liegt darauf wie ein Leichentuch.


Unsere Geschichte beginnt um das Jahr 1870 in London, wo ein sechzehnjähriges Mädchen namens Florence Cook lebte. Schon von Kindheit an galt sie als ein exzentrisches Kind, denn sie behauptete steif und fest, Geister sehen und ihre Stimmen hören zu können. Man legitimierte ihre Gabe, und ihre Eltern, allen voran die geschäftstüchtige Mutter, förderten von nun an die Karriere ihrer wundersamen Tochter.

Es dauerte nicht lange, da manifestierte sich durch Florence ein ganz besonderer Geist, eine Gestalt, die bald in ganz London für Furore sorgen sollte: „Katie King“. Und was für eine Geschichte sie zu erzählen hatte! Ein Melodram, liebe Sterbliche, das selbst die geschwätzigsten Zirkel in London in atemloses Schweigen versetzt hätte. In meiner eigenen Jugend, kann ich Ihnen versichern, sprach man in den Salons von nichts anderem.

Sie sei, so verkündete sie mit geisterhafter Stimme, niemand Geringeres als Annie Morgan, die Tochter des berüchtigten Piratenkapitäns Henry Morgan. Ihre Lebensgeschichte war wie für die Bühne geschrieben: Geboren im Jahre 1660, aufgewachsen mit einem gewalttätigen Vater, hatte sie als Kind den Großen Brand von London miterlebt. Im zarten Alter von siebzehn Jahren wurde sie verführt, verlassen und starb bei der Geburt ihres Kindes. Nun, so erzählte sie den staunenden Gästen, sei es ihre Aufgabe im Geisterreich, ihren reuigen Vater, der sich nun „John King“ nannte, auf dem Pfad der Erlösung zu begleiten. Welch ein Klatsch, welch eine Sensation!

Die Séancen selbst waren das reinste Wundertheater. Im Haus der Cooks wurde ein Kabinett errichtet, ein kleiner, abgetrennter Raum. Darin wurde Florence Cook vor den Augen der Gäste auf einem Stuhl fest verschnürt, die Knoten versiegelt. Das Licht wurde gedämpft, die Anwesenden fassten sich an den Händen, und die Beschwörung begann. Und dann, liebe Sterbliche, geschah das Unglaubliche. Aus dem Vorhang des Kabinetts trat eine leibhaftige Gestalt hervor – Katie King. In ein leuchtendes weißes Gewand gehüllt, schwebte sie mehr, als dass sie ging. Sie sprach mit den Gästen, berührte ihre Hände, und einem anwesenden Arzt, einem Dr. Child, gestattete sie sogar, ihren Puls zu fühlen: 72 Schläge pro Minute, ganz wie bei einer lebenden Frau. Währenddessen, so schien es, saß Florence Cook weiterhin gefesselt in der Dunkelheit des Kabinetts.

Doch nicht jeder war bereit, an dieses Wunder zu glauben. Im Dezember 1873 kam es zu einem Eklat. Ein Gast namens Mr. Volckman, ein Mann von skeptischem Gemüt, verlor die Geduld. Überzeugt davon, einem Schwindel beizuwohnen, sprang er auf, packte die Geistergestalt und rief, er habe Florence Cook erwischt! Ein Tumult entstand, die Lichter gingen an, und in dem Chaos gelang es dem Geist, sich loszureißen und hinter den Vorhang zu fliehen. Als man nachsah, fand man Florence stöhnend auf ihrem Stuhl, die Fesseln und Siegel unversehrt, aber völlig erschöpft.

Der Vorfall warf einen Schatten auf die Glaubwürdigkeit des jungen Mediums, doch er rief auch den Mann auf den Plan, der alles verändern sollte: Sir William Crookes. Crookes war kein gewöhnlicher Mann. Er war einer der brillantesten Physiker und Chemiker seiner Zeit, Entdecker des Elements Thallium, Mitglied der ehrwürdigen Royal Society und Erfinder der „Crookes-Röhre“, einer Vorform der Röntgenröhre. Er war ein Mann der Wissenschaft, zunächst zutiefst skeptisch, doch beseelt von dem Wunsch, das Phänomen des Spiritismus endgültig zu ergründen – um es entweder als Schwindel zu entlarven oder als eine neue, wissenschaftliche Tatsache zu beweisen.

Sir William Crookes nahm die junge Florence Cook unter seine Fittiche. Er lud sie ein, wochenlang in seinem eigenen Haus zu wohnen, um sie unter strengsten Laborbedingungen zu testen. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Um sicherzustellen, dass Florence sich nicht aus ihren Fesseln befreien konnte, während Katie King im Raum erschien, verband er sie mit elektrischen Drähten, die an ein empfindliches Reflexions-Galvanometer angeschlossen waren. Jede noch so kleine Bewegung hätte einen Ausschlag auf dem Gerät verursacht.

Und was Crookes beobachtete und schließlich publizierte, versetzte die wissenschaftliche Welt in Erstaunen. Stellen Sie sich das nur vor! Der Mann der Wissenschaft notierte akribisch die Beweise, die jede rationale Erklärung zu sprengen schienen. Zuerst, so schrieb er, sei da der schlichte Fakt der Größe: Katie war bis zu sechs Zoll, also etwa 15 Zentimeter, größer als Florence. Dann die Haarfarbe: Florences Haar war dunkelbraun, fast schwarz; Katie jedoch schenkte Crookes eine Locke ihres Haares, die er als goldenes Kastanienbraun beschrieb und die er als Beweisstück aufbewahrte. Schließlich notierte er Unterschiede an Haut und Merkmalen: Katies Haut war heller, ihr Nacken war makellos glatt, während Florence eine kleine Narbe am Hals hatte. Und während Florence Ohrringe trug, hatte Katie keine. Der große Wissenschaftler schien überzeugt. Er hatte die Geisterwelt mit den Instrumenten der Physik vermessen und für real befunden.

Der Höhepunkt und zugleich das Ende dieser wundersamen Erscheinungen kam am 21. Mai 1874. Es war die angekündigte Abschiedsséance. Katie King trat ein letztes Mal aus dem Kabinett und verkündete mit trauriger Stimme, dass ihr Werk getan sei. Sie müsse nun endgültig in das Reich der Geister zurückkehren, denn sie habe ihre Sünden gebüßt.

In einer zutiefst emotionalen Szene verteilte sie Blumen und Andenken, schnitt Haarlocken als Erinnerung ab. Sie drückte jedem Anwesenden die Hand und verschwand hinter dem Vorhang. Dann, so berichteten die Zeugen, weckte sie die bewusstlos am Boden liegende Florence mit den Worten: „Wache auf, Florence, ich muss dich jetzt verlassen!“ Man hörte noch das Geräusch ihres Abschiedskusses, dann war es still. Katie King war für immer verschwunden. Obwohl… nicht ganz. sie tauchte kurz darauf in Amerika wieder auf. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und über Florence Cook legte sich bald ein dunkler Schatten. Im Januar 1880, nun verheiratet und als Mrs. Corner bekannt, hielt sie eine weitere Séance ab. Der Geist, der diesmal erscheinen sollte, nannte sich „Maria“. Doch die Gäste, Sir George Sitwell und ein Freund, waren misstrauisch. Als die weiß gekleidete Gestalt aus dem Dunkel trat, packten sie zu. Sie hielten den vermeintlichen Geist fest, während einer von ihnen hinter den Vorhang eilte und dort die abgelegten Kleider und Schuhe des Mediums fand. Unter dem weißen Tuch hielten sie die sich windende Florence Cook.

So endet die Erzählung in diesem Folianten.

Sehen Sie, liebe Sterbliche, eine solche Geschichte ist weit mehr als nur ein unheimliches Amüsement. Sie ist ein Fenster in die Seele einer vergangenen Epoche. Um zu verstehen, was damals geschah, müssen wir die Welt betrachten, in der diese Geister wandelten: das viktorianische 19. Jahrhundert. Es war eine zerrissene Zeit. Auf der einen Seite triumphierte der wissenschaftliche Materialismus, der alles in Atome und Kräfte zerlegte und den Glauben an Gott und ein Jenseits als Aberglauben abtat. Auf der anderen Seite verloren die Menschen den Halt im traditionellen Glauben, der ihnen über Jahrhunderte Trost gespendet hatte. In diese Lücke stieß der Spiritismus. Er war der kühne Versuch, mit den Mitteln der Wissenschaft einen handfesten Beweis für das Leben nach dem Tod zu erbringen. Er bot eine Religion für das Zeitalter der Maschine. Der große Dichter Goethe hatte es schon lange vor diesen Ereignissen vorausgesehen, als er schrieb: „Der Unglaube ist als ein umgekehrter Aberglaube zum Wahnsinn unserer Zeit geworden.“

Und dann war da die Rolle der Frau

Im viktorianischen England hatte eine Frau kaum Rechte. Sie durfte nicht wählen, ihr Besitz ging mit der Heirat auf den Ehemann über, und ihre Bildung beschränkte sich auf ein wenig Musizieren und Sticken. Sie war der „Engel des Hauses“, bestimmt, keusch und gehorsam die Wünsche ihres Mannes und ihrer Kinder zu erfüllen. Welche Möglichkeiten hatte ein junges, intelligentes Mädchen wie Florence Cook in einer solchen Welt? Das Dasein als Medium war eine der wenigen Nischen, in denen eine Frau aus den Fesseln ihrer gesellschaftlichen Rolle ausbrechen konnte. Als Medium erlangte sie Beachtung, sie hatte Einfluss und wurde zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Gelehrten und Adligen.

Und nicht zu vergessen: Sie verdiente ihr eigenes Geld. Für die Familie Cook war Florences Karriere ein regelrechtes Geschäftsmodell. Selbst nachdem Florence ihren reichen Gönner Charles Blackburn verprellt hatte, blieben ihre Mutter und ihre Schwester in seiner Gunst, zogen bei ihm ein und erbten am Ende sogar einen Teil seines Vermögens. Es war eine Karriere, die Macht und Unabhängigkeit in einer Welt versprach, die Frauen beides verwehrte.

Doch was war nun die Wahrheit? War es Betrug oder ein echtes Phänomen?

Die Entlarvung im Jahre 1880 scheint eine eindeutige Sprache zu sprechen. Die damals gegebene Entschuldigung war, gelinde gesagt, abenteuerlich: Andere Geister hätten die arme Florence im Trancezustand ausgezogen und in die Mitte des Raumes geführt, um eine Erscheinung zu simulieren. Das klingt selbst für meine alten Ohren wenig überzeugend.

Und was ist mit Sir William Crookes? Wurde dieser brillante Geist getäuscht, oder war er gar ein Komplize? Die Zeugnisse sind widersprüchlich. Sir William Ramsay, ein anderer Nobelpreisträger, behauptete später, Crookes sei „so kurzsichtig“ gewesen, dass man seinen Beobachtungen nicht trauen könne. Doch andere Koryphäen wie Sir Oliver Lodge und sogar Sir Arthur Conan Doyle, der Schöpfer des scharfsinnigen Sherlock Holmes, verteidigten Crookes‘ Forschungen vehement.

Die skandalöseste Theorie aber kam erst nach dem Tod der beiden ans Licht. Es tauchten Gerüchte auf, Florence habe Vertrauten gegenüber gestanden, dass sie und der verheiratete Wissenschaftler eine heimliche Liebesaffäre hatten. Wäre dies wahr, würde es sein Verhalten in ein völlig neues Licht rücken. War er ein verliebter Mann, der seiner jungen Geliebten half, einen ausgeklügelten Betrug zu inszenieren?

Die endgültige Wahrheit, liebe Sterbliche, bleibt wohl für immer im Nebel der Geschichte verborgen. Die Geschichte der Florence Cook ist eine faszinierende Lektion über den menschlichen Wunsch zu glauben, über die Macht der Verführung und die seltsamen Wege, auf denen sich Wissenschaft, Glaube und menschliche Schwäche kreuzen. Wurde Sir William Crookes von einem echten paranormalen Phänomen überzeugt? Oder wurde er getäuscht – von der Liebe zu einer jungen Frau, von seinem eigenen Ehrgeiz, das größte Rätsel der Menschheit zu lösen, oder vielleicht einfach von seiner eigenen Hoffnung?

Wir werden es nie mit Sicherheit wissen. Als Geist kann ich Ihnen versichern, dass die wahre Natur des Jenseits sich nicht in Klopfgeräuschen und weißen Laken offenbart. Sie ist unendlich stiller, seltsamer und weit weniger unterhaltsam. Und so bleiben manche Geschichten, selbst wenn die klügsten Menschen sie untersuchen, am Ende doch das, was sie immer waren: wunderbare, unlösbare Rätsel. Nun lassen Sie mich wieder in die Schatten meiner Regale zurückgleiten. Es gibt noch so viele staubige Bücher, die darauf warten, ihre Geheimnisse preiszugeben.

Lady Mildred Puddlewick
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.