Finley Mint erzählt

Gemietete Einsiedler – Die seltsamen Vorfahren der Gartenzwerge

Jo! willkommen im Garten von Puddlewick Hall. Ich bin Finley Mint, der Gärtner. Ich möchte Ihnen heute von einer seltsamen Mode aus dem viktorianischen England erzählen.  Den feinen Herrschaften reichte es damals nicht mehr aus, seltene Pflanzen oder plätschernde Brunnen in ihren Gärten zu haben. Sie wollten eine ganz bestimmte Stimmung erzeugen. Eine Art melancholische Traurigkeit, gemischt mit Weisheit. Sie sollte durch einen Eremiten dargestellt werden –  also durch einen echten Menschen, der als Einsiedler in einer künstlichen Höhle lebte.


Dieser Mann war im Grunde ein lebendes Dekostück: Ein Angestellter, dessen einzige Aufgabe darin bestand, für die Gäste des Hausherrn den tiefsinnigen Sonderling zu spielen. Zu diesem Zweck baute man eigens kleine Hütten oder Grotten, die sogenannten „Follies“ oder Gartenruinen – verrückte Bauwerke, die absichtlich baufällig und wild aussehen sollten.

In diesen Behausungen saßen die gemieteten Eremiten auf Möbeln aus Baumwurzeln, schliefen auf strohgefüllten Säcken und starrten stundenlang auf Totenköpfe oder Sanduhren, um die Vergänglichkeit des Lebens darzustellen. Für die Reichen war das ein großes Vergnügen: Man spazierte mit seinen Gästen durch den Park und suchte den Einsiedler wie ein seltenes Tier auf einer Safari , um ihn beim Schweigen und Bibellesen zu beobachten.

Besonders streng ging es dabei im 18. Jahrhundert zu, wie die Geschichte von Charles Hamilton zeigt. Er suchte um 1740 für seinen Park in Painshill einen solchen Mann. Der Vertrag klang für damalige Verhältnisse nach einer Goldgrube, denn es wurden stolze 700 Pfund versprochen – eine Summe, von der man ein Leben lang im Luxus hätte schwelgen können. Die Bedingungen waren jedoch knüppelhart: Der Mann musste sieben Jahre lang in seiner Klause bleiben, sich niemals die Haare, den Bart oder die Nägel schneiden und kein Wort mit den Bediensteten oder Besuchern wechseln. Er sollte eine grobe Robe aus Kamelhaar tragen und die Grenzen des Parks niemals verlassen. Wie ich aus den Chroniken weiß, hielt es Hamiltons Eremit aber gerade mal drei Wochen aus, bevor man ihn betrunken in einem Wirtshaus in der Nachbarschaft erwischte und er hochkant rausflog.

Es war ein verdammt einsamer Job, den kaum jemand über die volle Vertragszeit durchhielt. Manche Besitzer verlangten sogar, dass ihre Eremiten bei Wind und Wetter barfuß herumliefen, um die „Wildnis“ echter wirken zu lassen.

Wenn die Herrschaften keinen echten Menschen fanden oder ihnen der Unterhalt zu teuer wurde, wurden sie manchmal erfinderisch und stellten mechanische Puppen auf, die sich wie frühe Automaten bewegten, um die Illusion aufrechtzuerhalten. Doch mit der Zeit, in der Mitte des 19. Jahrhunderts und der Hochphase der viktorianischen Ära, änderte sich der Geschmack. Die Menschen wurden praktischer und es galt endlich als unanständig und moralisch fragwürdig, sich einen Mitmenschen als reine Gartendekoration zu halten. 

Der Trend der lebenden Einsiedler verschwand, doch die Sehnsucht nach diesem urigen Bild vom weisen Mann im Garten blieb in den Köpfen der Menschen bestehen. Da das Bürgertum nun auch damit begann, eigene kleine Gärten anzulegen, wollte man dieses Symbol der gehobenen Gartenkultur nachahmen – allerdings in einer pflegeleichteren Form.

Hier schlägt die Geschichte eine Brücke nach Deutschland, genauer gesagt nach Thüringen. Dort begannen geschickte Handwerker damit, bärtige Gestalten im kleinen Maßstab aus gebranntem Ton herzustellen. Sie vermischten das Bild des alten Eremiten mit den Sagenfiguren aus den Wäldern – den Zwergen und Gnomen. So verwandelte sich der einst traurige, schmutzige und schweigende Einsiedler in den freundlichen, bunten Kerl mit der roten Mütze, den wir heute als Gartenzwerg kennen. Der lange weiße Bart und die einfache Kutte sind geblieben, der Totenkopf wurde durch eine Gießkanne oder andere Dinge ersetzt.

Wissen Sie, wenn man sich so intensiv mit der Gartengeschichte befasst wie ich, dann stößt man unweigerlich auf den Namen Gordon Campbell. Er ist Professor und hat sich die Mühe gemacht, die Geschichte dieser Einsiedler ganz genau aufzuschreiben. Sein Standardwerk zu diesem Thema trägt den passenden Titel „Der Eremit im Garten“ – und ist im Jahr 2013 erschienen. Ich habe es an einem regnerischen Nachmittag in meiner Gartenhütte gelesen und es ist wirklich erstaunlich, wie klar er die Verbindung zieht. Campbell sagt nämlich ganz deutlich, dass der Gartenzwerg der direkte Nachfahre des Schmuck-Eremiten ist. Er beschreibt die Zwerge als die „keramischen Relikte“ dieser lebenden Männer.

Was er damit genau meint, ist Folgendes: Ein Zwerg im Garten erfüllt heute dieselbe Aufgabe wie damals der gemietete Eremit: Er soll dem Garten eine Seele geben und als Schutzgeist oder „Wächter des Ortes“ fungieren. 

Wenn Sie das nächste Mal an einem dieser kleinen Kerle vorbeikommen, denken Sie daran, dass er ein adliges Erbe antritt und uns an eine Zeit erinnert, in der man echte Menschen für die Gartenruhe mietete. Nun muss ich mich aber wieder meinen Hecken widmen, die meine volle Aufmerksamkeit brauchen. Ich hoffe, Sie besuchen mich bald wieder, hier im Garten von Puddlewick Hall.

Lady Mildred Puddlewick
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