Was Dickens’ Rabe „Grip“ mit Poes „The Raven“ zu tun hat
Ah, meine Lieben, treten Sie nur näher! Kommen Sie herein, schütteln Sie die garstige Nässe von Ihren Mänteln und nehmen Sie Platz hier am Kaminfeuer. Sehen Sie nur, wie die Flammen tanzen? Wunderbar. Ich war gerade auf dem Dachboden, um nach einem alten Fächer zu suchen – eine gänzlich andere Geschichte für einen anderen Tag –, als ich über eine Kiste mit vergilbten Briefen und Zeitungsausschnitten stolperte. Und darin, meine Lieben, fand ich eine ganz und gar erstaunliche Geschichte, die zwei der größten Literaten des 19. Jahrhunderts auf die seltsamste und wunderbarste Weise verbindet. Ein Stück köstlichster literarischer Klatsch, wenn Sie so wollen, über unseren britischen Meister Charles Dickens und jenen düsteren Amerikaner, Edgar Allan Poe.
Die Geschichte beginnt in der Devonshire Terrace in London, dem eleganten, aber chaotischen Wohnsitz von Charles Dickens. Wer Anfang der 1840er Jahre diesen Haushalt betrat, musste sich nicht nur vor herumtollenden Kindern in Acht nehmen, sondern vor allem vor Grip, dem Raben, der das Anwesen mit eiserner Kralle regierte. Dickens, der ein Faible für das Exzentrische hatte, sah in Grip weit mehr als ein gewöhnliches Haustier. Der Vogel war eine Persönlichkeit: intelligent, herrisch und mit einem Hang zur theatralischen Bösartigkeit ausgestattet. Diese Eigenschaften faszinierten und amüsierten seinen berühmten Besitzer gleichermaßen.

Grip war alles andere als ein friedlicher Geselle. Er schien sich zur Lebensaufgabe gemacht zu haben, die hierarchische Ordnung im Haus auf den Kopf zu stellen. Seine bevorzugten Opfer waren die Kinder des Autors, deren ungeschützte Knöchel er mit präzisen Schnabelhieben attackierte.
🎵 Ah, einen Moment, meine Lieben… Ja, Mr. Peabody, Sie haben vollkommen recht, das hätte ich fast vergessen! Mein kleiner Kanarienvogel hier, ein wahrer Historiker in seinem winzigen Herzen, erinnert mich gerade an das wichtigste Detail. Dieser Rabe, Grip, konnte nämlich sprechen! Er hatte ein beeindruckendes Vokabular, und sein liebster Ausruf, den er mit besonderer Inbrunst krächzte, war: „Halloa old girl!“. Stellen Sie sich das nur vor! Und sein absoluter Lieblingssatz war das krächzende Bekenntnis: „I’m a devil, I’m a devil!“ („Ich bin ein Teufel.“). Dass ein Rabe sich selbst als Dämon bezeichnete, traf genau Dickens‘ Sinn für schwarzen Humor.
Doch das Leben dieses exzentrischen Vogels steuerte auf ein bizarres und verfrühtes Ende zu. Grip hatte eine seltsame und fatale kulinarische Vorliebe entwickelt: Er verbrachte viel Zeit im Stall des Anwesens und pickte dort leidenschaftlich gern abblätternde weiße Farbe von den Wänden und Zäunen. Im viktorianischen Zeitalter war diese Farbe fast immer stark bleihaltig. Was Grip für einen Snack hielt, war pures Gift. Im Frühjahr 1841 verschlechterte sich der Zustand des Vogels dramatisch.
Charles Dickens, der sehr an dem Tier hing, leitete sofort Rettungsmaßnahmen ein. In einem späteren Brief an seinen Freund, den Maler Daniel Maclise, beschrieb Dickens die letzten Stunden des Raben in einer Mischung aus tiefer Trauer und jenem unverwechselbaren sarkastischen Witz, der auch seine Bücher prägte. Er berichtete detailliert von den „medizinischen Behandlungsversuchen“. Laut Dickens’ dramatischer Schilderung blieb Grip bis zum letzten Atemzug seiner Persönlichkeit treu: Angeblich bäumte sich der sterbende Vogel ein letztes Mal auf, krächzte noch einmal seine Lieblingsflüche, bevor er verendete.

Für Grip war der Tod jedoch nicht das Ende. Dickens war nicht in der Lage, sich von seinem „bösen Geist“ zu trennen. Er beauftragte umgehend einen Fachmann damit, den Vogel auszustopfen. Um den Körper für die Ewigkeit zu konservieren, wurde er mit einer großen Menge Arsen präpariert. Dadurch ist er bis heute „giftig“, aber er hat so die Jahrhunderte überdauert. Für den präparierten Grip ließ Dickens einen großen Kasten aus Glas und dunklem Holz anfertigen, den er mit rustikalen Ästen und getrockneten Pflanzen dekorierte. Dieser Kasten erhielt einen Ehrenplatz in Dickens’ Arbeitszimmer, direkt im Blickfeld des Autors. Der echte Grip war zwar tot, doch als stummer, gläserner Beobachter und Muse wachte er weiterhin über das Schaffen seines Besitzers.

Während der echte, mit Arsen präparierte Grip nun stumm in seinem Glaskasten im Arbeitszimmer hockte, begann er auf dem Papier ein zweites, ungleich lauteres Leben. Charles Dickens arbeitete 1841 an seinem Roman „Barnaby Rudge“. Er schuf das ungleiche Duo, das in die Literaturgeschichte eingehen sollte: den gutmütigen, geistig zurückgebliebenen Barnaby und seinen brillanten, zynischen Beschützer Grip.
Dickens übertrug die Persönlichkeit seines verstorbenen Haustieres nahezu eins zu eins in die Geschichte. Der Roman-Gripp kommentierte das Weltgeschehen mit einer Mischung aus scharfer Beobachtungsgabe und völligem Unsinn. Dickens legte ihm Sätze in den Schnabel, die er von seinem echten Raben kannte: Und er rief immer wieder stolz jenes Mantra, das Poe später so hellhörig machen sollte: „I’m a devil, I’m a devil!“ (Ich bin ein Teufel). Für die Leser war Grip die humorvolle Auflockerung in einer tragischen Geschichte.

Oh, mein kleiner gefiederter Historiker erinnert mich da an ein ganz entscheidendes Detail! Mr. Peabody zwitschert es mir geradezu ins Ohr. In Dickens‘ Roman, genauer gesagt im fünften Kapitel, versteckt sich etwas. Jemand fragt: „What was that – him tapping at the door?“, und die Antwort lautet: „Tis someone rapping at the shutter.“ Behalten Sie diese Zeilen im Gedächtnis, meine Lieben, sie sind ein entscheidendes Puzzlestück!
Denn Jenseits des Atlantiks, in den Vereinigten Staaten, verfolgte ein Mann den Fortsetzungsroman „Barnaby Rudge“ mit einer Intensität, die an Besessenheit grenzte: Edgar Allan Poe. Poe arbeitete zu dieser Zeit als Redakteur für das „Graham’s Magazine” in Philadelphia. Er war bekannt als brillanter, aber gnadenloser Literaturkritiker. Als er die ersten Kapitel von „Barnaby Rudge” las, geschah etwas Verblüffendes, das seinen Ruf als analytisches Genie festigte: Noch bevor der Roman abgeschlossen war, veröffentlichte er eine Analyse, in der er den Ausgang der Kriminalhandlung und die Identität des Mörders korrekt vorhersagte. Als Dickens davon hörte, war er vollkommen fassungslos und fragte sich laut Berichten, ob Poe mit dem Teufel im Bunde sei.

Poes wahres Interesse galt jedoch nicht dem Mörder, sondern dem Vogel. In seiner Rezension lobte er die Figur des Raben, übte aber zugleich Kritik. Er war der Meinung, Dickens habe das Potenzial des Tieres nicht voll ausgeschöpft. Sinngemäß schrieb er, der Rabe hätte „prophetischer“ sein können. Das ständige Geplapper und die lustigen Sprüche störten ihn; er empfand das Krächzen eines Raben instinktiv als etwas Düsteres, als ein Omen des Unglücks, nicht als Witz.
Im März 1842 richtete sich die Aufmerksamkeit der literarischen Welt auf das „United States Hotel“ in Philadelphia. Charles Dickens war in der Stadt. Der erst 30-jährige Brite befand sich auf seiner ersten großen Lesereise durch die USA und erlebte einen Ruhm, der heute nur mit dem von Rockstars vergleichbar ist. Überall, wo „The Inimitable“ (der Unnachahmliche) auftauchte, herrschte Ausnahmezustand. Er wurde von Banketten zu Bällen weitergereicht, Menschenmengen belagerten seine Unterkunft und Frauen schnitten heimlich Stücke aus seinem Pelzmantel als Souvenir heraus. Dickens war geschmeichelt, aber auch zutiefst erschöpft von diesem „Löwengebrüll“ der Amerikaner.
Inmitten dieses Trubels gelang es einem hageren, dunkel gekleideten Mann, sich durch die Absperrungen zu winden. Edgar Allan Poe. Der Unterschied zwischen den beiden Männern hätte kaum größer sein können. Während Dickens als strahlender, wohlhabender Weltstar im Licht der Öffentlichkeit stand, war der 33-jährige Poe ein kämpfender Schatten. Er war chronisch pleite, seine Frau Virginia war krank und trotz seines genialen Verstandes rang er täglich um Anerkennung und den nächsten Dollar. Poe hatte Dickens einen Brief geschrieben und um ein Gespräch gebeten – eine Bitte, der Dickens, neugierig auf den scharfzüngigen amerikanischen Kritiker, tatsächlich nachkam.

Es kam zu einem Gespräch, dessen Inhalt uns verborgen bleibt. Doch das Treffen endete mit einem Versprechen. Dickens sagte zu, sich nach seiner Rückkehr in London nach einem englischen Verleger für Poe umzusehen. Poe verließ das Hotel voller Hoffnung auf eine internationale Karriere. Doch wie so oft in seinem Leben erfüllte sich diese Hoffnung nicht: Dickens vergaß sein Versprechen im Trubel seiner Rückkehr oder fand keine Interessenten. Aber Poe nahm etwas viel Wertvolleres mit als einen Buchvertrag: Er nahm das mentale Bild von Dickens‘ „Raben“ mit nach Hause. Die Saat war gelegt.
Es dauerte fast drei Jahre, bis sie aufging. In dieser Zeit kämpfte Poe weiterhin mit Armut und seinen persönlichen Dämonen, während das Bild des Raben in seinem Unterbewusstsein reifte. Er nahm sich die Elemente vor, die er bei Dickens gefunden hatte, und kehrte sie ins Düstere um: Zuerst war da das Geräusch. Aus dem beiläufigen „Tapping“ (Klopfen) an der Tür, das in Barnaby Rudge nur eine Frage aufwarf, machte er einen hypnotischen Rhythmus. Er verstärkte das Bild: „As of someone gently rapping, rapping at my chamber door.“ Das Klopfen war nun nicht mehr neugierig, sondern bedrohlich.
Sein Rabe war kein Haustier mehr, das Farbe fraß, sondern ein uraltes Wesen, ein „Grim, ungainly, ghastly, gaunt, and ominous bird of yore“. Der lustige Grip war gestorben, damit der dunkle Rabe leben konnte.
Als die Ausgabe des New York Evening Mirror mit dem Gedicht „The Raven“ am 29. Januar 1845 erschien, geschah etwas, das in der Literaturgeschichte selten ist: Ein Gedicht wurde über Nacht zur Sensation. Es war nicht einfach nur beliebt, sondern schlug ein wie eine Bombe und verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Vereinigten Staaten. Innerhalb weniger Wochen wurde es in Zeitungen im ganzen Land nachgedruckt.

Die Leser waren wie hypnotisiert von dem Rhythmus des Gedichts. Es hatte einen „Ohrwurm-Effekt“. Die Leute liefen durch die Straßen und murmelten „Nevermore“ vor sich hin. Es war das literarische Äquivalent zu einem heutigen Nummer-eins-Hit im Radio. Kritiker und Leser waren gleichermaßen fasziniert von der Präzision, mit der Poe Trauer und Wahnsinn dargestellt hatte.
Poe wurde schlagartig selbst zu einer Berühmtheit und gilt heute als der erste echte „Popstar“ der amerikanischen Literatur. Er wurde in die feinen literarischen Salons von New York eingeladen, in denen sich die High Society versammelte, um ihn zu sehen. Poe lieferte eine Show: Er inszenierte sich selbst als die menschliche Verkörperung seines Gedichts „The Raven“. Wenn er es vortrug, dimmte er oft das Licht im Raum. Er las mit seiner tiefen, melodischen und melancholischen Stimme. Die Zuhörer berichteten später, es sei gewesen, als würde man einem Geisterbeschwörer zuhören. Einige Damen sollen bei diesen Lesungen vor lauter emotionaler Anspannung in Ohnmacht gefallen sein.

Die Identifikation der Öffentlichkeit mit dem Gedicht ging so weit, dass die Grenze zwischen dem Autor und seinem Werk verschwamm. Kinder liefen ihm auf der Straße hinterher, zeigten auf ihn, krächzten wie Raben und riefen „Nevermore“ hinter ihm her. Poe war für die Leute der Rabe. Er hatte eine Ikone geschaffen, die so mächtig war, dass sie ihren Schöpfer zu verschlingen drohte. Schon wenige Wochen nach der Veröffentlichung erschienen die ersten Parodien – ein sicheres Zeichen dafür, dass „The Raven“ tief in das kulturelle Bewusstsein eingedrungen war.
Doch trotz seines Ruhms blieb Edgar Allan Poe arm. Da es damals noch keine strengen Urheberrechtsgesetze gab, druckten Zeitungen das Gedicht einfach ab, ohne ihn dafür zu bezahlen. Für die Erstveröffentlichung erhielt er die lächerliche Summe von etwa 9 Dollar (manche Quellen sagen 15 Dollar). Während also das ganze Land seinen Namen kannte und seine Zeilen rezitierte, wusste Poe oft nicht, wie er sein Abendessen bezahlen oder seine kranke Frau versorgen sollte. Sein Erfolg war groß, sein Geldbeutel blieb leer.

In London stand der ausgestopfte Grip immer noch in seinem Glaskasten bei Dickens – der stumme Urvater dieses ganzen Wahnsinns. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass er bald selbst zum Objekt der Begierde werden würde.
Als Dickens starb, hinterließ er ein literarisches Erbe und ein Haus voller Besitztümer, die nun versteigert werden sollten. Die Auktion bei Christie’s in London wurde zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Sammler und Fans drängten sich, um eine Reliquie des „Unnachahmlichen” zu ergattern. Unter all den Möbeln, Manuskripten und Kunstwerken stach ein Objekt besonders hervor: der Glaskasten mit dem ausgestopften Raben Grip.
Das Interesse an diesem toten Vogel war gigantisch. Grip war durch Barnaby Rudge bereits eine Berühmtheit und die Verbindung zu Poe hatte seinen Mythos noch verstärkt. Die Gebote schossen in die Höhe und als der Hammer schließlich fiel, wechselte der Vogel für die für damalige Verhältnisse astronomische Summe von 120 Guineen den Besitzer. Umgerechnet in heutige Kaufkraft entspricht dieser Betrag etwa 18.000 bis 20.000 Euro.
Doch seine eigentliche Bestimmung lag nicht in England. Jahrzehnte später trat Grip seine letzte, ironische Reise über den Atlantik an. Er wurde von dem wohlhabenden amerikanischen Sammler Colonel Richard Gimbel erworben. Gimbel war ein Mann mit einer spezifischen Leidenschaft: Er war ein glühender Verehrer von Edgar Allan Poe. Er kaufte den Dickens-Raben nicht primär wegen Dickens, sondern weil er wusste, dass dieser Vogel der „Urvater” von Poes Gedicht „The Raven“ war.

Als Gimbel seine Sammlung vermachte, landete Grip schließlich an einem Ort, der passender nicht sein könnte: in der Free Library of Philadelphia. Philadelphia war nicht irgendeine Stadt, sondern genau jener Ort, an dem sich Dickens und Poe 1842 im „United States Hotel“ getroffen und über den Vogel gesprochen hatten. Der Kreis hatte sich geschlossen.
Ja, meine Lieben, so wurde ein frecher Londoner Vogel, ein kleiner gefiederter Tyrann, zur dunklen Muse für das vielleicht schwermütigste Gedicht, das je aus amerikanischer Feder geflossen ist. Der Dichter James Russell Lowell fasste die Verbindung später wunderbar spöttisch zusammen, als er Poe beschrieb als „wie Barnaby Rudge, drei Fünftel Genie und zwei Fünftel reiner Humbug“. Verstehen Sie? Selbst in der Kritik konnte man die flatternden Schatten von Grips Flügeln nicht ignorieren!
Es gibt jedoch noch einen nachdenklichen Epilog zu dieser Geschichte, der das Herz wärmt. Jahre nach Poes tragisch frühem Tod besuchte Charles Dickens auf einer weiteren Amerikareise dessen verarmte Schwiegermutter, Maria Clemm. Die arme Frau, die erst ihre Ziehtochter Virginia und dann Edgar verloren hatte, lebte in großer Not. Dickens überreichte ihr eine beträchtliche Summe Geld. Eine Geste, die so viel über das oft harte Schicksal von Künstlern und die manchmal erst spät eintreffende Anerkennung aussagt, nicht wahr?
Nun aber genug für heute. Das Feuer wird kleiner und der Tee ist ausgetrunken. Ich danke Ihnen für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit und hoffe, Sie bald wieder in der Puddlewick Hall begrüßen zu dürfen, wenn der Dachboden eine neue, vergessene Geschichte preisgibt.


